Der Kirchenkreis Rotenburg

So ist Kirche hier im Kirchenkreis Rotenburg. Das macht sie. Dazu ist sie in unserer Welt nützlich und notwendig. Das sind die Menschen, die sich hier engagieren. Das sind ihre Erfahrungen, Ideen und Ziele. Und immer wieder wird deutlich: In dieser Kirche ist Platz, um selbst dabei zu sein, mitzuerleben und auch mitzugestalten.

Organspende: "Beratung auch Aufgabe der Kirche"

Hauptamtliche Mitarbeitende im Kirchenkreis Rotenburg informieren sich über Organspende

 

Wer sie noch nicht hat, bekommt sie in den nächsten Wochen zugeschickt: eine Aufforderung der Krankenkasse, einen Organspendeausweis auszufüllen. Ein neues Gesetz zur Einführung der Entscheidungslösung ist dafür verantwortlich. „Das ist keine leichte Entscheidung, denn sie betrifft Fragen nach dem Leben und nach dem Tod“, sagt Hans-Peter Daub, Superintendent des Kirchenkreises Rotenburg.

Deswegen haben sich die Pastorinnen und Pastoren, sowie Diakoninnen und Diakone aus dem Kirchenkreis getroffen, um sich über das Thema Organspende ausführlich zu informieren. Zunächst beschrieb Dr. Michael Coors, Referent im Zentrum für Gesundheitsethik der Landeskirche Hannovers die medizinischen Fakten. So können beispielsweise nur solche Menschen Organspender sein, bei denen der Hirntod festgestellt wurde, das Herz-Kreislaufsystem aber noch künstlich aufrechterhalten werden kann. Das kann der Fall sein beispielsweise nach schweren Unfällen oder Schlaganfällen.

Wird ein Hirntod diagnostiziert, stellt sich für die Ärzte die Frage, welche Einstellung der Tote zur Organspende hatte. Liegt kein Organspendeausweis vor, wird der nächste Angehörige nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen befragt. Kennt dieser den nicht, muss er selbst entscheiden. „Das ist eine furchtbare Situation in einem Moment, in dem der Angehörige ja zunächst einmal den Tod eines geliebten Menschen verkraften muss“, sagt Coors.

Organe, die nach der Zustimmung entnommen werden können, sind Nieren, Leber, Herz, Lunge, Darm und Bauchspeicheldrüse. Aber auch Gewebe können entnommen werden: Augenhaut, Haut, Knochen, Sehnen, Bänder, Bindegewebe. „Es gibt auf dem Organspendeausweis die Möglichkeit, einzelne Organe und Gewebe von der Entnahme auszunehmen oder explizit nur einige anzuführen, die entnommen werden dürfen“, erläutert Coors. Und er weist darauf hin, dass es auf dem Ausweis auch die Möglichkeit gibt, die Organspende gänzlich abzulehnen. „Das ist wichtig zu betonen, weil es einen großen Druck in der Gesellschaft gibt, Organspender zu sein.“

Auch Pastorin Ina Welzel, Krankenhausseelsorgerin in Fallingbostel in einer Rehabilitationsklinik, in der Patienten vor und nach einer Transplantation behandelt werden, nimmt diesen moralischen Druck auf mögliche Spender wahr. Sie kennt aber auch die andere Seite, denn sie begleitet Patienten seelsorgerlich, die auf ein Spenderorgan warten. Welzel weiß, wie sehr sich viele Menschen an die Hoffnung auf ein Spenderorgan klammern. „Die Aussicht auf diese Möglichkeit gibt vielen von ihnen unendliche Hoffnung und Kraft.“

Aber sie schildert auch das Dilemma, in dem die Kranken stecken. „Die Patienten wissen, dass jemand sterben muss, damit es ihnen besser gehen kann. Sie hoffen auf den Tod eines anderen Menschen und sie wissen: Einer muss sterben – er oder ich.“ Diese Situation ist für viele kaum zu auszuhalten. „Die Annahme eines fremden Organs ist für die Patienten leichter, wenn sie wissen, dass sich der Spender zu Lebzeiten bewusst für die Organspende entschieden hat“, weiß Welzel.

Auch sie hält es für eine wichtige Aufgabe der Kirche, den Menschen bei der Entscheidungsfindung zur Organspende zu helfen. „Die Politik, die Ärzte und auch Eurotransplant sind nicht neutral. Sie haben das erklärte Ziel, die Anzahl der Organspender zu erhöhen.“

Die anwesenden hauptamtlichen Mitarbeitenden aus dem Kirchenkreis waren ebenfalls der Meinung, dass die Kirche hier gefordert ist. „Wir alle werden versuchen, Räume und Gelegenheiten zu schaffen, in denen wir die Frage der Organspende neutral und ergebnisoffen ansprechen. Wir möchten, dass die Menschen ohne Druck ihre persönliche Entscheidung fällen können“, sagt Superintendent Daub.

DATUM

2. September 2013

AUTOR

Anette Meyer
BILDER (1)
„Dafür, dagegen, weiß nicht“: Dr. Michael Coors (stehend) und Ina Welzel (links) referieren vor Mitarbeitenden des Kirchenkreises Rotenburg über viele Aspekte der Organspende.
„Dafür, dagegen, weiß nicht“: Dr. Michael Coors (stehend) und Ina Welzel (links) referieren vor Mitarbeitenden des Kirchenkreises Rotenburg über viele Aspekte der Organspende.
„Dafür, dagegen, weiß nicht“: Dr. Michael Coors (stehend) und Ina Welzel (links) referieren vor Mitarbeitenden des Kirchenkreises Rotenburg über viele Aspekte der Organspende.