St. Johannis-Kirche zu Visselhövede

Auf einer leichten Anhöhe, in exponierter Lage direkt neben der Visselquelle, steht die St.- Johannis-Kirche. Das eindrucksvolle Bauwerk markiert seit Jahrhunderten das Zentrum der Ortschaft Visselhövede und des umgebenden Kirchspiels.

Über die Ursprünge des Gotteshauses können nur Vermutungen angestellt werden. Die Annahme, daß der erste Vorläuferbau bereits mit der Christianisierung (um 800 nach Christus) errichtet wurde, ist jedoch naheliegend. Indizien, die für eine so frühe Gründung sprechen, sind die Nähe zum Quellteich und die Benennung nach Johannes dem Täufer. Es ist bekannt, daß bei den fränkischen Missionaren Karls des Großen Johannes als Kirchenpatron sehr beliebt war und daß sie ihre Kapellen gern in unmittelbarer Nähe alter heidnischer Kultstätten, in diesem Falle eines Quellheiligtums erbauten.

Ins Licht der Geschichte tritt die St.-Johannis-Kirche mit ihrer ersten urkundlichen Erwähnung,die aus dem Jahre 1258 datiert. Damals stiftete Bischof Gerhard von Verden der Kirche den Zehnten seines Hofes zu Heelsen und bestimmte, daß diese Einnahmen zu verwenden seien, um die Beleuchtung zu bestreiten.

Man darf davon ausgehen, daß die Kirche zu dieser Zeit noch ein völlig anderes Erscheinungsbild hatte als heute. Ob bereits ein massiv aufgeführtes Gebäude existierte, ist nicht bekannt. Fest steht aber, daß im Jahre 1358 ein Neubau geweiht wurde. Dieser wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgebaut und erweitert, ist im Kern aber in seiner Form bis in die Gegenwart erhalten geblieben.

So stellt sich St. Johannis als Saalkirche mit einem zweijochigen Chor und 5/10 Schluß dar - das heißt, der Altarraum umfaßt zwei Gewölbeabschnitte und ist mit einem halben Zehneck geschlossen. Die Außenwände sind aus Findlingen und Backstein aufgeführt. Sämtliche Fenster wurden rechteckig erweitert, nur im Chor sind sie in ihrer alten spitzbogigen Form, jedoch mit erneuertem Maßwerk, erhalten. Es ist noch zu erkennen, daß in der Ostwand ursprünglich ein dreiteiliges Fenster saß, während die übrigen Wände des Chorschlusses mit jeweils zweiteiligen Fenstern von ähnlicher Ausbildung versehen waren bzw. sind. Das ziegelgedeckte Dach ist im Osten wie im Westen abgewalmt.

Seit 1736 ergänzt ein querschiffsartiger Anbau das Kirchenschiff auf der Nordseite. Auch die großen, schrägen Strebepfeiler, die das charakteristische Bild der Kirche ausmachen, sind nachträglich angefügt worden.

Eine umfassende Renovierung der Außenwände und der Pfeiler fand in den Jahren 1974 bis 1992 statt. Erforderlich geworden waren diese Maßnahmen durch ein Absacken der Fundamente und durch schädliche äußere Einflüsse wie den Straßenverkehr.

Prägendes Merkmal der St. Johannis-Kirche wie einer Reihe anderer Heidekirchen ist der freistehende Glockenturm. Dieser wird im Wiederaufbauplan des Ortes nach der Feuersbrunst von 1703 erstmals verzeichnet. Vorläufer dürfte ein Turm im Westen des Kirchenschiffs gewesen sein, dessen unterer Teil zum Schiff hinzugezogen wurde. Der hölzerne Glockenturm wie er sich heute darstellt, wurde Ende des 18. Jahrhunderts in Fachwerk errichtet und mit Brettern bekleidet. Er mißt sieben Meter im Quadrat und ist bis zur Spitze 80 Fuß (etwa 23 Meter) hoch. Sein mit Schindeln gedecktes Zeltdach trägt eine achteckige Laterne. Während die Kirche selbst von Feuer verschont blieb, brannte das benachbarte Pfarrhaus im Jahre 1795 völlig ab. Ein Raub der Flammen wurden dabei auch die Kirchenbücher und eine umfangreiche Pfarrbibliothek.

Über den Brand schrieb der damals amtierende Pastor Pape: "Anno 1795 im Okt. am Sonntag nach Trinitatis entstand abends nahe 10 Uhr, da schon viele im Schlafe lagen, in des Bürgers Christoffer Gerkens Hause, gewöhnlich Eckvoß genannt, eine heftige Feuersbrunst, die mit dem Südwestwinde ganz unerwartet wie ein brausend Hagelvolk sich verbreitete und schon Thurm und Pfarrhaus ergriff, da man kaum hörte, daß Feuer ausgebrochen war. Heftig ergriff das Feuer zuerst im Pfarrhaus die Studierstube, so daß die Kirchenregistratur und Kirchenbücher nicht gerettet werden konnten, sondern mit meiner ganzen Bibliothek, samt meinen vielen Handschriften, meinen Kleidern und vielen Leinengeräten, meinem Korn und dem Pfarrhaus selbst innerhalb zwei bis drei Stunden ein Raub der Flammen ward."

Ein Rundgang durch die Kirche

Haupteingang der St. Johannis-Kirche ist das dem Rathaus zugewandte Nordportal, einen weiteren Eingang gibt es wie üblich an der Westseite. Wer die Kirche betritt, findet sich in einem einschiffigen, von Emporen gegliederten Raum wieder. Die ursprünglich vorhandenen gotischen Gewölbe sind durch eine flache Holztonne ersetzt, die zum nördlichen Anbau hin auf Stützen mit Kopfbändem ruht. Der Anbau selbst wurde mit einer flachen Decke versehen.

im Chor sind die stark gebusten Kreuzrippengewölbe aus Backstein erhalten geblieben. Bei Renovierungsarbeiten wurden hier 1920 unter einer sechsfachen Kalkschicht gotische Deckenmalereien freigelegt. Die Rankenteppiche mit eingestreuten Motiven in der Apsis der Gnadenstuhl, im ersten Joch von Osten die Kreuzigung, im westlichen Joch ein Weltgericht - sind vollständig erhalten.

Die 1771 aufgerichtete Altarrückwand zeigt Rokokoformen mit Säulen und Pilastern von Bildhauer A. Meyer (Verden). Über der Mensa ist ein in Öl gemaltes Tafelbild des Gekreuzigten von C.A. Braun (Walsrode) zu sehen, im oberen Aufbau finden sich die Gesetzestafeln und darüber das Auge Gottes.

Links neben dem Altar befindet sich ein in die Wand eingelassenes Sakramentshäuschen mit gemalten Fenstern und knienden, die Hostie verehrenden Engeln zur Aufbewahrung der Meßgeräte (um 1400). Angrenzend die Tür zum sogenannten Brauthaus, das einst als Einlaß für "unehrenhafte" Brautpaare diente. Diese durften den Altarraum nicht durch das Kirchenschiff betreten.

Bei der Kanzel handelt es sich um ein besonders wertvolles Stück. Der Korb stammt von 1641, ist in der Form eines Sechseck gehalten und vollständig aus Eichenholz gefertigt. Die Ecken sind mit korinthischen Säulen besetzt, die am unteren Teil des Schaftes Arabeskenschmuck tragen. Dazwischen rechteckige Füllungen mit Reliefdarstellungen: eine Kreuzigungsgruppe mit Maria, Johannes und Maria Magdalena; die Auferstehung; der Evangelist Lukas als der Schutzheilige der Maler gekennzeichnet; der Apostel Johannes, dem die Offenbarung zuteil wird. Der Schalldeckel (1790 erneuert), ebenfalls sechseckig, zeigt allseitig Bekrönungen in ausgesägter Arbeit.

Nachweislich das älteste Stück der Kirchenausstattung ist das romanische Taufbecken aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Diese Taufe in Pokalform, deren Fuß verlorengegangen ist, besteht aus Sandstein und hat eine äußerst wechselvolle Geschichte hinter sich. Irgendwann wurde der Taufstein nämlich aus der Kirche entfernt -möglicherweise weil er "unmodern" geworden war. Er gelangte auf eine Hofstelle und wurde als Schleifbank für Messer, später als dekorative Blumenschale in einem Garten verwendet, bevor man ihn wiederentdeckte und zurückholte. Dies geschah erst in den achtziger Jahren.

Aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammt der hölzerne Taufständer in Form einer aufklappbaren Muschel auf rocaillegeschmücktem Dreifuß. Die kupferne Taufschale zeigt am Boden das Lamm Gottes in getriebener Arbeit.

Im westlichen Teil des Kirchenschiffes befindet sich die Orgelempore mit der Orgel. Brüstung und Orgelprospekt wurden von den beiden Künstlern, die auch den Altar gestalteten, angefertigt und zeigen beschwingte Rokokoformen. Die Orgel selbst wurde von der Firma Führer (Wilhelmshaven) erbaut und 1983 eingeweiht. Sie ist ihrem Vorgängerinstrument, der historischen Wilhelmi-Orgel von 1799, weitestgehend nachempfunden. Der Prospekt - also das vordere sichtbare Gehäuseteil - blieb im Original erhalten.