"Wegschauen tut niemand"
Etwas war neu auf der fünftägigen Jugendgruppenleiter-Schulung des Kirchenkreises Rotenburg in Lehringen bei Kirchlinteln. Zum ersten Mal gehörten die neuen Richtlinien zur Kindeswohlgefährdung, die im § 8a des Sozialgesetzbuches geregelt sind, mit zum festen Bestandteil der Ausbildung.
„Früher haben wir das Thema immer mal an verschiedenen Stellen mit in das Programm eingebaut, aber jetzt gehört es zu den Grundstandards bei der Ausbildung zum Jugendgruppenleiter“, sagt Sabine Ahua, Diakonin im Kirchenkreisjugenddienst. Sie begrüßt diese Regelung, denn sie macht es für die jugendlichen Gruppenleiter und auch für die Hauptamtlichen leichter, mit diesem schwierigen Thema umzugehen.
„Jeder weiß jetzt genau, wie er sich im Ernstfall verhalten muss, wo seine Verantwortung liegt und wo sie aufhört. Es gibt einen klar geregelten Ablauf“, ergänzt Werner Burfeind, Stadtjugenddiakon in Rotenburg, der zusammen mit Ahua die Schulung geleitet hat. Das beugt sowohl vorschnellem Eifer als auch einer Verharmlosung des Themas vor.
Die Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren haben gelernt, was eventuelle Auffälligkeiten sind. Wenn beispielsweise ein Kind stets unangenehm riecht, es nie entsprechend der Jahreszeit gekleidet ist, deutliches Unter- oder Übergewicht hat, nervös, verschüchtert, apathisch, distanzlos oder besonders aggressiv ist. Dann sollte der Gruppenleiter seine Beobachtungen im Team besprechen und kontinuierlich schriftlich festhalten, denn Misshandlung, Vernachlässigungen oder sexuelle Ausbeutung sind keine einmaligen Vorgänge. Für die Hauptamtlichen gibt es eine Anlaufstelle im Landkreis, die geschaffen wurde, um Verbände und Institutionen zu beraten und mit ihnen eventuell nötige weitere Schritte einzuleiten.
„Die zukünftigen Jugendgruppenleiter sind für das Thema Kindeswohlgefährdung sensibilisiert. Wegschauen tut niemand“, sagt Burfeind. Doch natürlich besteht die Jugendgruppenleiter-Ausbildung nicht vornehmlich aus Themen rund um das Strafgesetzbuch, Haftungsfragen und Kindeswohlgefährdung. Auch Gruppenpädagogik, Spielepädagogik, die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen, Leitungsstile, der Umgang mit Konflikten und das Gestalten von Andachten standen auf dem Lehrplan. „Wir hatten viel Spaß. Es gab immer viel faire Rückmeldung und alle sind sehr motiviert auseinandergegangen“, sagt Ahua.
Der Lehrgang berechtigt zur Beantragung einer Jugendleitercard (Juleica). Im Kirchenkreis Rotenburg werden jährlich 60 bis 70 neue Jugendgruppenleiter ausgebildet. Sie unterstützen bei Freizeiten, als Konfirmandenbegleiter oder bei Aktionen.


