Bischofsbesuch: Viele Gespräche auf Augenhöhe

Ralf Meister steht vor einer Wand, an der Baupläne hängen und spricht mit Thomas Steinke und Hans-Hermann Ruschmeyer.

Bischof Ralf Meister (Mitte) lässt sich den Neubau des Finteler Gemeindezentrums von Pastor Thomas Steinke (rechts) und dem Kirchenvorstandsvorsitzenden Hans-Hermann Ruschmeyer erklären.

13.10.2011

„Wir haben einen Bischof erlebt, der sich so richtig Zeit genommen hat und Gespräche auf Augenhöhe suchte.“ Superintendent Hans-Peter Daub zieht eine positive Bilanz des zweitägigen Besuchs von Ralf Meister, Bischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, im Kirchenkreis Rotenburg.
Zunächst hatte es nur die Anfrage der Stiftung Kirche für Rotenburg gegeben, ob der Landesbischof auf der alljährlichen Stiftungsgala als Referent auftreten könne. Der antwortete prompt, dass er gern käme, allerdings nur, wenn er gleichzeitig den gesamten Kirchenkreis besuchen darf und auf der Gala alle Stiftungen des Kirchenkreises vertreten sind. Der umtriebige Nachfolger von Margot Käßmann, der erst seit April im Amt ist, hat inzwischen 22 der 56 Kirchenkreise in seinem Wirkungsbereich besucht.
Der Kirchenkreis Rotenburg erfüllte Bischof Meister den Wunsch, mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch zu kommen und dabei die Themenfelder kennenzulernen, an denen der Kirchenkreis zur Zeit besonders arbeitet. Da durch die Präsenz des Diakoniekrankenhauses, der Rotenburger Werke und breiter diakonischer Altenhilfe die Diakonie traditionell einen Schwerpunkt in der Region bildet, wurde ein Fachgespräch mit Repräsentanten der diakonischen Altenhilfe anberaumt. Hier erging der eindringliche Wunsch an den Bischof, dass die Landeskirche sich nicht aus der Unterstützung der Diakonie herausziehen möge. „Wir müssen am Ende des Lebens Menschen diakonisch begleiten“, betonte Michael Schwekendiek, Vorsteher des Diakonissen-Mutterhauses und Geschäftsführer der Pro-Diako, einem gemeinnützigen, diakonischen Unternehmen, das Gesundheits- und Pflegedienstleistungen in ganz Niedersachsen anbietet.
Ein weiteres, sehr ergiebiges Gespräch führte der Bischof mit Kulturschaffenden aus dem Kirchenkreis Rotenburg in Scheeßel. Dabei wurde deutlich, wie wichtig Kulturarbeit gerade auch in ländlichen Gebieten für die Identitätsstiftung einer Region ist. Superintendent Daub zeigte sich sehr erfreut, dass die Kirchen sich immer mehr für die Kultur öffnen würden. „Die Kirchengemeinden sind auf einem guten Weg.“
Auch Jugendarbeit ist ein zentrales Thema des Kirchenkreises. In Schneverdingen bekam Meister in seinen Gesprächen mit Diakonen und ehrenamtlichen Vertretern der ev. Jugendarbeit und des CVJM einen Einblick in die Strukturen und die aktuellen Herausforderungen in diesem Bereich. Dass ihm dieses Feld ein großes Anliegen ist, wurde schnell deutlich: „Ich säße jetzt nicht hier als Pastor, wenn ich nicht den Glauben und die Gemeinschaft von christlichen Pfadfindergruppen erlebt hätte.“
Wie hier so erwiesen sich im ganzen Verlauf des Besuches die persönlichen und beruflichen Erfahrungen Meisters als hilfreich. „Als Probst in Lübeck hat er viele Kirchenkreis-Themen erlebt und mitgestaltet. Das ist angenehm“, sagte Daub. Auch die Erfahrungen als Generalsuperintendent des Sprengels Berlin können in Rotenburg von Nutzen sein. „Er hat schon erlebt, wie Kirche in Minderheitensituationen funktioniert. Dort ist die selbstverständliche Präsenz von Kirche in öffentlichen Zusammenhängen längst weg. Das nimmt uns viel Sorgen.“
Bei allen Begegnungen, zu denen noch ein Abendessen mit engagierten Menschen aus dem Kirchenkreis, ein Empfang im Kreishaus des Landkreises, ein Besuch auf der Baustelle des neuen Gemeindezentrums in Fintel und die Stiftungala in Rotenburg gehörten, war etwas von dem breiten Wissen zu spüren, das Meister auf vielen Gebieten hat und auch von einem aufrichtigen Interesse an den Themen, die die Menschen vor Ort bewegt.

 

 

„Das ist hier beispielhaft“

Landesbischof Ralf Meister im Gespräch mit Kulturschaffenden aus dem Kirchenkreis Rotenburg
„Ich habe seit meiner Amtseinführung vor einem halben Jahr schon 20 Kirchenkreise besucht, aber hier das erste Mal über Kulturarbeit gesprochen.“ Ralf Meister, Bischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, zeigte sich beeindruckt von den vielen kulturellen Initiativen und Projekten in dieser ländlichen Region. „Das ist hier beispielhaft“, sagte der Theologe, nachdem er im Nötel-Haus in Scheeßel zwei Stunden lang mit Kulturschaffenden aus dem Kirchenkreis Rotenburg gesprochen hatte.
Der Einladung zum Dialog über Kirche im sozio-kulturellen Raum waren gefolgt: Matthias Müller, Vorsitzender der Kontaktstelle Musik Rotenburg-Bremervörde, Pastor Lars Rüter, Vorsitzender des Kuratoriums Kirchenmusik im Kirchenkreis sowie Posaunenobmann des Kirchenkreises, Bernd Braumüller, Vorsitzender der Kulturinitiative Rotenburg (KIR), Detlev Kaldinski, Mitbegründer und Koordinator der Kulturinitiative Scheeßel (KIS) und Vorsitzender des Büchereifördervereins Scheeßel, Ralf Struck, Vorsitzender des Kulturvereins Eigenart aus Visselhövede, Carsten Bargmann, stellvertretender Vorsitzender des Kulturvereins Schneverdingen, Helga Busch und Astrid Schwarze-Bruns von der Kulturinitiative Sottrum, Helgo Mayrberger, Leiter der Fintauschule in Lauenbrück, in der sich das Landkino etabliert hat, Jörn Klee, Vorsitzender der Beekscheepers, Heiko Klee, Vorsitzender der Original Scheeßeler Trachtengruppe, Bildhauer Ortwin Musall aus Mulmshorn, Egbert Rosenplänter, Pastor aus Ahausen sowie Rainer Kruse, Geschäftsführer der Steinfelder Wohngruppen und Hausherr im ehemaligen Kaufhaus Nötel, das als neuer kommunikativer Treffpunkt von Menschen mit und ohne Behinderung die kulturelle Szene in Scheeßel bereichert.
Die Teilnehmenden kamen in einen sehr regen Austausch über ihre Arbeit und die Funktion von Kultur auf dem Land. „Die Menschen suchen Kommunikationspunkte. Das Bedürfnis wird stärker“, sagt Braumüller. Während früher die Dorfkneipe wichtiger Treffpunkt war und auch der Austausch in der Nachbarschaft dazugehörte, finden Menschen heute die Möglichkeit zur Begegnung beispielsweise während des  Besuchs im Stadtkino oder bei einer Ausstellung.
Superintendent Hans-Peter Daub stellte erfreut fest, dass sich in zunehmendem Maße auch die Kirchen für Kultur öffnen. „Das beschleunigt sich dadurch, dass es immer mehr gute Kontakte zu den Kulturschaffenden und Kulturinitiativen gibt.“  Auch die Bandbreite an Veranstaltungen nimmt zu. So hat es in Kirchen im Kirchenkreis Rotenburg auch schon viel Ungewohntes gegeben: Tangotanz, den Scheeßeler Bunten mit Orgelbegleitung und die Vorführung eines Krimifilms. Auch Bischof Meister begrüßt dieses lebendige sozio-kulturelle Netzwerk: „Es dient der Stärkung des Selbstbewusstseins vor Ort: Wir leben hier und wir wollen hier etwas auf die Beine stellen.“ Er hat während seiner Besuche in den Kirchenkreisen auch bereits ländliche Regionen bereist, die diese Identifizierung nicht haben, und die sehr unter Abwanderung in die Metropolen leiden. „Dort hatte sich die Frage nach Kultur vor Ort schon nicht mehr gestellt.“ Verabschiedet wurde der Bischof an diesem Nachmittag mit einigen Tänzen von der Original Scheeßeler Trachtengruppe.


Sprachen mit weiteren Gästen über die Bedeutung von Kirche im sozio-kulturellen Raum: Rainer Kruse (von links), Ralf Struck, Carsten Bargmann, Hans-Peter Daub, Ralf Meister und Heiko Klee.

 

 

Erfahrungen tragen ein Leben lang

Landesbischof diskutiert mit Vertretern der evangelischen Jugend und dem CVJM

Der Besuch des Landesbischofs im Kirchenkreis Rotenburg war gleichzeitig ein Geburtstagsgeschenk an den CVJM in Schneverdingen. Ralf Meister nutzte seine zwei Tage zwischen Böhme und Wümme, um mit vielen Menschen ins Gespräch zu kommen. Im evangelischen Kinder- und Jugendhaus der Peter- und Paulgemeinde traf er Ehrenamtliche und Hauptamtliche aus der Jugendarbeit des Kirchenkreises, sowie zahlreiche Vertreter des CVJM.

Diese präsentierten dem Theologen Teile ihrer großen Ausstellung, die sie anlässlich ihres 100-jährigen Jubiläums zusammengetragen hatten. Da Meister als Jugendlicher selbst viele Jahre in christlichen Pfadfindergruppen aktiv war, hatte er viel Spaß an den Fotos, die das Fahrten- und Lagerleben des CVJM dokumentierten.

„Ich säße jetzt nicht hier als Pastor, wenn ich nicht den Glauben und die Gemeinschaft von christlichen Pfadfindergruppen erlebt hätte“, erklärte der Bischof der Runde. Er freute sich auch über die vielen guten Projekte, von denen ihm die Diakone des Kirchenkreises berichteten.

Im Kirchenkreis Rotenburg gibt es für jede Kirchenregion einen hauptamtlichen Diakon, der die Kinder- und Jugendarbeit stützt und koordiniert. Seine Aufgabe ist es verstärkt, Jugendliche zu Teamern auszubilden und sie theologisch zu begleiten.

Diskutiert wurde auch darüber, dass es durch die Ganztagsschulen und das verkürzte Abitur immer schwerer wird, Jugendliche zu regelmäßigen Treffen zusammenzubekommen. Veränderte Konzepte des Konfirmandenunterrichts und ein breiteres Angebot von einmaligen Veranstaltungen tragen dem inzwischen Rechnung. Nach wie vor ist es eine große Herausforderung, ein Angebot für ältere Jugendliche und junge Erwachsene zu finden.

Meister erklärte, dass in einer ganzen Reihe von Pilotprojekten in der Landeskirche, neue Wege erprobt werden, um auf die genannten Probleme noch besser reagieren zu können. Und gleichzeitig konnte er den Worten eines CVJM-Mitglieds beipflichten: „Von dem, was die Kinder und Jugendlichen in unseren Gruppen mit auf den Weg bekommen, tragen sie als Erwachsene ganz sicher etwas weiter, auch wenn sie sich nicht mehr aktiv in einer Kirchengemeinde engagieren.“

Mit großem Wissen und viel Engagement diskutierte Landesbischof Ralf Meister (vorne) mit Vertretern der evangelischen Jugendarbeit und des CVJM in Schneverdingen.

 

"Die Kirche muss am Markt bleiben": Landesbischof Ralf Meister bei seiner Rede anlässlich eines Empfanges im Kreishaus des Landkreises Rotenburg.

 

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