20 Jahre Ferienaktion der Tschernobyl-Hilfe im Kirchenkreis Rotenburg
Es ist schon beinahe in Vergessenheit geraten: Am 26. April 1986 ereignete sich der schwere Reaktorunfall im Block 4 des Atomkraftwerks von Tschernobyl und erschütterte die Menschen in aller Welt. Eine atomare Wolke breitete sich über weite Teile Europas aus. Mütter untersagten ihren Kindern, im Sand zu spielen, im See zu baden und bei Regen nach draußen zu gehen. Salat und Gemüse wurden untergepflügt, Milch weggeschüttet.
Bereits vier Jahre später entstand die Idee, im Kirchenkreis Rotenburg Kinder zur Erholung aus den verstrahlten Gebieten nach Deutschland zu holen. Daraus ist die Arbeitsgemeinschaft „Hilfe für Tschernobyl-Kinder“ in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers geworden. Die feiert im Juni 20 Jahre Ferienaktion.
Und so wird in diesem Sommer die 20. Delegation weißrussischer Kinder nach Niedersachsen und in den Kirchenkreis Rotenburg kommen. „Teilweise sind es heute Kinder von Müttern, die vor 15 oder 20 Jahren selber schon einmal an einer Ferienaktion teilgenommen haben“, sagt Barbara Koll. Sie ist seit Beginn ehrenamtlich in der Tschernobyl-Hilfe im Kirchenkreis Rotenburg tätig und als Nachfolgerin von Hartmut Ladwig verantwortlich für die Aktion.
„Damals hatten die Kinder noch große Schleifen im Haar , heute kommen modebewusste kleine Damen“, sagt Koll. Doch auch, wenn sich der Zeitgeist in 20 Jahren verändert hat – die gesundheitlichen Probleme der Menschen aus den verstrahlten Gebieten in Weißrussland sind dieselben geblieben. Sie haben sich sogar noch verschlimmert. Leukämie, Schilddrüsenkrebs, Missbildungen und auch die Säuglingssterblichkeit nehmen zu. Das liegt daran, dass die Zerfallsprodukte zum Teil eine höhere Halbwertszeit haben und auch wesentlich gesundheitsschädlicher sind, als die zunächst freigesetzten radioaktiven Isotope.
Das Ziel der Ferienaktion – Kinder mit vitaminreicher, unverstrahlter Nahrung zu versorgen und dadurch ihre Lebens- und Abwehrkräfte in einer wichtigen Wachstumsphase zu stärken – ist also genauso aktuell wie damals. Doch die Bereitschaft der Menschen, Kinder bei sich aufzunehmen, nimmt ab. Waren es in den Anfängen fast 300 Kinder, die im Kirchenkreis Rotenburg Aufnahme fanden, sind es heute knapp 100.
„Damals war es in den Köpfen drin. Wir waren selbst betroffen“, erklärt Koordinatorin Koll diese Entwicklung. Heute ist die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl fast in Vergessenheit geraten. Es gibt eine Tendenz zur Verharmlosung, die darin gipfelt, dass Reiseveranstalter für sensationshungrige Touristen Tschernobyl-Touren zum Block 4 anbieten.
„Gegen so etwas müssen wir ankämpfen“, sagt Koll entschieden. Sie und die vielen weiteren ehrenamtlich Engagierten im Kirchenkreis Rotenburg werden nicht müde, Jahr um Jahr Familien zu werben, die in den Ferien Kinder aufnehmen, ein umfangreiches Programm für die Kleinen zusammenzustellen sowie Papier und Altmetall zu sammeln, um Hilfskonvois nach Weißrussland schicken zu können.
Doch in den letzten Jahren kommt ein weiterer Aufgabenbereich dazu: die Aufklärung. „Wir wollen eine Arbeitsmappe erstellen, die beispielsweise in Schulen und in Konfirmandengruppen eingesetzt werden kann“, erklärt Koll. Viele gute Ideen für Öffentlichkeitsarbeit sind bereits vorhanden. Aber es braucht Zeit, sie umzusetzen.
Die Koordinatorin freut sich über die Entwicklung, die die Tschernobyl-Hilfe im Kirchenkreis genommen hat und über die vielen aktiven Ehrenamtlichen, die sich seit 20 Jahren immer wieder finden, um die Arbeit voranzubringen. Sie ist zuversichtlich, dass es auch noch viele weitere Jahre so erfolgreich weitergeht. „Wir kennen so viele Schicksale. Etliche sind auch schon gestorben, die wir kannten. Die Verbindung ist eng, und es sind gute Freundschaften entstanden.“
Wer in der Tschernobyl-Hilfe mitarbeiten möchte, kann sich an Barbara Koll, Telefon 05193/6851, wenden. Wer spenden möchte, kann das tun unter Spendenkonto: Kirchenkreis Rotenburg, Kontonummer: 148-668, Bankleitzahl: 241-51-235, KSK Rotenburg/Bremervörde, Vermerk: Hilfe für Tschernobylkinder.


